Donnerstag, 9. Juli 2026
Samstag, 2. Mai 2026
Die Trennung
»Wo ist Vyvyan«, fragte Guido, als sie sich am Sonntag im Schwimmbad der Gay Community trafen. Eduard schob seine Taucherbrille nach oben. »Der … ist abgereist. Vorige Woche schon. Ich bin allein.« Er hatte seine Brust rasiert. Es war so viel Wolle abgekommen, dass er den Abfluss damit verstopft hatte. Guido stand in seiner weinroten Badehose neben ihm und versuchte, ein paar Streifen anzubringen. Die Luft war feucht und für Eduards Gefühl zu chlorgeschwängert. Durch die Fenster fiel matter Sonnenschein, der die Fliesen in ein blasses Rosé tauchte. Nur leise Loungemusik spielte, einige Gäste, meist dünne, junge Männer und ältere Herren schwammen. »Habt ihr euch getrennt«, fragte Guido weiter. Eduard spürte, wie eine Gänsehaut seine rasierte Brust überzog. »Nein«, sagte er. Und noch einmal: »Nein. Wir haben uns nicht getrennt.« Guido blieb skeptisch, kniff die Augen gegen das matte Licht zusammen. »Warum ist er abgereist? Ich dachte, er wollte sich an der Royal bewerben?« »Nein. Er hat eine Zusage für Dresden bekommen – und noch für einige andere Hochschulen in – Deutschland.« »In Deutschland?« Guido zog seine Badekappe auseinander. Eduard nickte nur. »Ja. Er wollte nach Dresden. Zu seiner Schwester. Er fühlt sich hier … eingeengt.« »Eingeengt?« Guido schien alarmiert und knüpfte sein Handtuch über der Brust. »Wieso eingeengt? Du hast ihm doch alles ermöglicht. Ihn zu unserem … Geliebten gemacht. The Making of Vyvyan …« Guido zwinkerte. Seine Badekappe saß schief. Eduard kippte eine Pantolette vom Fuß. Gerade Guido hatte nicht zu Vyvyans bevorzugten Liebhabern gehört. Eduard musste sich regelmäßig anhören, was Guido falsch machte. Dennoch durfte er jedes Wochenende wiederkommen.
Samstag, 19. Dezember 2020
Still A life. Work in Progress.
Darf ich vorstellen: Ich arbeite tatsächlich immer noch hier. Mein Projekt Still life ist eine langwierige Quarantäne: Man ist isoliert, fast erstarrt, man fühlt sich nicht sehr wohl und es dauert ewig. Der Prozess des Arbeitens an diesem Text/Projekt war und ist meine Quarantäne - nicht nur im Jahr 2020:
Und darum geht es in Still life:
Esther ist eine schweiflose Spaziergängerin. Durch eine Annonce im Stadtmagazin trifft Esther auf den Kunsthistoriker Eduard und seinem Freund Vyvyan, der nach Oscar Wildes Sohn heißt. In einer alten, noch kaum sanierten Etagenwohnung leben sie wie zur Zeit der Jahrhundertwende. Eduard promoviert über englische Landschaftsmaler, Vyvyan arbeitet an einen Bilderzyklus.
Esther bewirbt sichals Vyvyans Modell. Als sie es schafft, sich ganz dem Zeitgefühl der Jahrhundertwende zu verschreiben, wählt Vyvyan sie schließlich aus. Vyvyan, der an Schlafsucht leidet, kann nur nachts oder nachmittags malen. Aber da das Ungewöhnliche für Esther immer mehr zur Normalität wird, passt sie sich auch diesem Rhythmus an.
Sie sieht, wie Bilder entstehen, die sie als eine fremde Person in fremder Umgebung und in einem bisher völlig unbekannten Licht zeigen. Zusehends gerät sie in den Sog der vergangenen Zeit.
Dienstag, 29. Juli 2014
Lilith im blauen Kleid
Donnerstag, 23. Januar 2014
Ein Plädoyer für die Elster-Bar
Donnerstag, 2. Mai 2013
Maitag in Technicolor
Vincit tempus omnia.
Für A.
Samstag, 20. April 2013
Irgendwann
Irgendwann, bei schlechtem Wetter. Die Brüstung der Ballustrade hatte jemand mit einer Eisenstange durchbrochen. Schwere Steine plumpsten in den Fluss. In sein sich aufschichtendes Hochwasser. Irgendwann, in der Zeit nach dem Tauwetter, noch nicht Frühling aber nicht mehr Winter. Die Sonne hatte sich rar gemacht, nur am Abend zwischen sechs und sieben war ein schmaler Streifen ockerorange am Horizont zu sehen. Der Regen fiel dennoch in dünnen Schnüren und zerplatzte in Tropfen auf den Schirmen. Auf ein flammendes Rot. Tropfen perlten ab an seinem Rand. Irgendwo, in einer größeren Stadt im Osten, hatten sich Spaziergänger gesammelt, ungenau, transparent. Gingen sie vor dem Abend am Nachmittag aus der Stadt heraus. Petula hatte ihr Glück gewünscht. Ich wünsche dir Glück für diese Begegnung. Und bleib nicht zu lange fort. Doch sie blieb länger fort. Länger als zuvor. Ging durch einen hell erleuchteten Korridor, in ein Museum, in der eintausend Jahre europäische Kultur eingefangen waren. Blätterte Listen durch, fächerte irrisierende Bildflächen auf. Hände berührten sie dabei. Sie nahm auch sie wie Fächer wahr. Wollte sich einen davon greifen und sich dahinter verstecken. Es war schon lange nach der Zeit mit den altvertrauten Straßen, dem immer wieder sich abwenden, den dunklen Mänteln, dem flirrenden Schneegestöber in den Laternen, dem Davonlaufen. Der Zustand danach war ein anderer. Sie lief zuvor noch immer schneller. Bog sich manchmal tagelang aus. Lieh sich immer neue Existenzen, fächerte Masken auf und wieder weg von ihrem Gesicht. Das Gegenüber veränderte sich nicht. Sie nahm die Tram, den Zug, das Fahrrad, die eigenen Beine. Irgendwann war der Schnee verschwunden und die Gesichter sahen anders aus. Sie konnte etwas darin filtern. Die Begegnung gab sich ihr völlig hin. Sie nahm entgegen, was sie ihr bot. Mit einem Lachen und ohne nur zu kichern. Mit einem Lachen offenen Mundes. So dass alle ihre Zähne sichtbar wurden. Alle Fehler bekamen einen Platz. Nichts wurde ausgespart. Sie nahm sie nicht mehr als Fehler. Sinnliche Reizbarkeit. Sie wurde krank. Regenschnüre, viele Tage lang. Ein warmer Windschauer für einen kurzen Moment. Alle Farben waren blass. Aquarelltöne ineinander. In ein Museum, weit entfernt. Finger, die ihre berührten.
Montag, 25. März 2013
Ein Kichern
Schneekristalle. Pudriges Eis. Unter den Halogenlampen tanzen sie wie Bettfedern en miniatüre. Die Brücke. Auf der Straße neben mir gleitet ein Fahrrad durch die Eisrinnen. Seitenwechsel. Leicht und ruhelos. Kalte Pusteblumen. Fliegen auf in unglaublicher Langsamkeit. Kristalle hängen in der Luft, auf dem Boden. Wie unter Kuppeln aus Glas, ein Verlegenheitsgeschenk an ein beliebiges Kind. Wir stehen fest. Bewegen uns, so leicht. Ein Kichern.
Dienstag, 19. März 2013
Mittwoch, 6. März 2013
Die Ruhe und Eleganz selbst
In dichter Wolle umstürzt sie mich. Ihren Hals, hoch bis an das Haar, das den Schädel umhüllt, hinter dem ihr hübsches Gehirn liegt, stranguliert ein gerippter Schal in schwarz. Faltungen von Raum und Zeit. Fingerfood, ihre Stimme schneidet in matten Sequenzen meinen Körper auf. In Herz, Lungen, Nieren, Muskelstränge. Während sie sich wohl fragt, was sie getan hat. Es müsste, ihre Augen als Laser gerichtet, irgendwo dort sein. Geradezu verschlingend treffen. Die Leute würden panisch und fingen an zu rennen. Konturen entstehen um ihren Körper, führen Bewegungen aus, die subtil sind, so dass jeder, der hier vorbeiginge, sicher glaubte, sie sei die Ruhe und Eleganz selbst. Sie trägt den Hut oben auf der Scheitelkante, nennt ihn Blättrige, weil sie davon herunterfallen. In die zweifelnd gelenkige Stirn, Faltungen von Raum und Zeit. Ihre Zigarette ist ein Spätzünder und wird von ihr einfach weg gelegt. Sie spießt ein Stück Filet mit der Gabel auf, die Gabel bleibt in der Luft stehen, ihr Mund nimmt sie nicht entgegen. Sie atmet tief und fixiert, doch ihr Blick streut, die Lider senken sich. Die Haut der Augenlider schimmert hell, fast blass. Von Adern durchzogen, schwer. Müde, frage ich. Das reicht. Doppelhelix. Alles in allem. Frau und Laser. Zahlen. Quersummen. Kennzeichen. Die Pupillen, Kamera. Ich entdecke eine Lust auf das sich trennende Stück Filet in ihrem Mund. Faltungen von Raum und Zeit. Ich bin nur der Katalysator deines Buches, antwortet sie. Das Stück Filet verschwindet im Schlund. An sich ist dieser Kopf schön, wenn er sich hebt: Wenn du nur empathischer wärst. Nicht begehrt zu sein, ist schlimm. Aber all das schmälert nicht. Irgendwann geht sie an die Rezeption, fragt hinter vorgehaltener Hand nach einem Schlüssel und rennt die Wendeltreppe hoch in die vierte Etage. Der Fahrstuhl, alt und rostig, ist ein Instrument, in dem sie stecken bliebe. Wenn Raum und Zeit sich trennen.
Dienstag, 5. März 2013
Stubengelehrte
Auch für eine Dame in reiferem Alter mit viel Interesse an Fiktionen und elektronischen Applikationen gibt es Momente, da sie nach Tagen des orientierungslosen Herumtapsens in der eigenen Wohnung wieder einmal Licht in die Verhältnisse bringt. Sie steht zeitiger auf, denn naturbedingt wird es etwas früher hell als noch vor einigen Wochen. Trübes, aber für die Zapfen und Stäbe ihrer Netzhaut ausreichendes Taglicht zeigt ihr Hausstaub auf allen Ebenen der Einrichtung an. Nein, jetzt wird nicht der Staubsauger herbeigeholt. Das würde die Weiterleitung ihrer Nervenreize betrüben und enttäuschen. Sie zieht sich etwas an, macht sich sozusagen straff, und verlässt unter Auffahren von Wollmäusen das Haus. Dort, im nächsten Discounter, warten die Gewächshaustulpen. Sie wissen schon, die mit den Stängeln, die immer länger werden. Sie holt sie rasch heran und zahlt sie mit dem von ihr erwirtschafteten Geld. Zügig geht sie rückwärts ein in die Stube, schaut in Ecken, wo sich neben liegen gebliebenen Wollmäusen bereits Türme von Porzellan- und Vielfarb-Glasvasen bereit gemacht haben. Sie reflektiert und schnippelt. Am Ende dieser Prozedur steht die Frische nicht nur im eigenen Heim über der Wollmakulatur, sondern auch im Gesicht der umtriebigen Dame. Herrenbesuch, bevorzugt von Nerds, kann nun erwartet werden.
Sonntag, 3. März 2013
Schnittblumen
Das meiste, dachte sie, war nur geborgt. Jemand hatte ein Wort gesagt, Wochen oder Monate waren seither vergangen, ein anderer hatte sich das Wort notiert und füllte damit einen Absatz, eine Nische in einem mit Syntax bekleideten Part. In der Frühe waren Pakete angeliefert worden, der Bote klingelte zweimal, doch sie verband mit diesem Klingeln nichts, das Klingeln an der Haustür galt niemals ihr. Viel später trat sie heraus, es war Mittagszeit, seit einer dreiviertel Stunde gab es so etwas wie Tageslicht mit einem kaum merklichen Pfirsichstich darin. Pastell traf den Ton nicht. Mattviolett eher, die Farbe der Dekadenz. Im Flur war es dunkel und still. Sie schloss den Briefkasten auf. Ein Paketschein lag darin, das musste ein Irrtum sein. Sie dachte an Verschiedene. Wie von amputierten Recken, waren von ihnen nur die Initialen erhalten geblieben. Geköpfte Rosen, trocken wie Papier. Getrocknet im Glas, gaben sie Tag für Tag ein wenig Pulver ab. Die Nachbarinnen rechts und links in ihren Nachtgewändern überreichten ihr von jeder Seite einen Karton. Leicht und sperrig waren die Kartons, wie Hühnervögel. Ohne Absender. Zum Aufklappen. Die Nachbarinnen schauten hinter langen dunklen Haaren hervor. Sie dachte augenblicklich an zwei, dunkel und blond wie Schachbrettmuster, der eine auf Reisen, der andere wie gekettet an seinen Arbeitsort in der Wohnung, zwei, die nichts voneinander wissen wollten. Ohne Absender. Da lagen sie auf beiden Seiten in ihren Schalenbetten, leicht und wuchtig, die Schnittblumen. Die ersten Tulpen im Jahr. Es ist die Erinnerung, die quält, hatte der Blonde gesagt. Der Dunkle nahm nur einen Schluck Branntwein und legte das unfertige Produkt der letzten Tage vor sie hin. Mach damit weiter. Und nimm den Bus in die Stadt, schnell, geh, bevor es Nachmittag wird. Die Geschäfte schließen. Das geborgte Wort steht auf Grund mit seinem Wortstiel, sein Kopf, das Projektil, hat es vornüber geneigt.
