Samstag, 2. Mai 2026

Die Trennung

»Wo ist Vyvyan«, fragte Guido, als sie sich am Sonntag im Schwimmbad der Gay Community trafen. Eduard schob seine Taucherbrille nach oben. »Der … ist abgereist. Vorige Woche schon. Ich bin allein.« Er hatte seine Brust rasiert. Es war so viel Wolle abgekommen, dass er den Abfluss damit verstopft hatte. Guido stand in seiner weinroten Badehose neben ihm und versuchte, ein paar Streifen anzubringen. Die Luft war feucht und für Eduards Gefühl zu chlorgeschwängert. Durch die Fenster fiel matter Sonnenschein, der die Fliesen in ein blasses Rosé tauchte. Nur leise Loungemusik spielte, einige Gäste, meist dünne, junge Männer und ältere Herren schwammen. »Habt ihr euch getrennt«, fragte Guido weiter. Eduard spürte, wie eine Gänsehaut seine rasierte Brust überzog. »Nein«, sagte er. Und noch einmal: »Nein. Wir haben uns nicht getrennt.« Guido blieb skeptisch, kniff die Augen gegen das matte Licht zusammen. »Warum ist er abgereist? Ich dachte, er wollte sich an der Royal bewerben?« »Nein. Er hat eine Zusage für Dresden bekommen – und noch für einige andere Hochschulen in – Deutschland.« »In Deutschland?« Guido zog seine Badekappe auseinander. Eduard nickte nur. »Ja. Er wollte nach Dresden. Zu seiner Schwester. Er fühlt sich hier … eingeengt.« »Eingeengt?« Guido schien alarmiert und knüpfte sein Handtuch über der Brust. »Wieso eingeengt? Du hast ihm doch alles ermöglicht. Ihn zu unserem … Geliebten gemacht. The Making of Vyvyan …« Guido zwinkerte. Seine Badekappe saß schief. Eduard kippte eine Pantolette vom Fuß. Gerade Guido hatte nicht zu Vyvyans bevorzugten Liebhabern gehört. Eduard musste sich regelmäßig anhören, was Guido falsch machte. Dennoch durfte er jedes Wochenende wiederkommen.




Samstag, 19. Dezember 2020

Still A life. Work in Progress.


Darf ich vorstellen: Ich arbeite tatsächlich immer noch hier. Mein Projekt Still life ist eine langwierige Quarantäne: Man ist isoliert, fast erstarrt, man fühlt sich nicht sehr wohl und es dauert ewig. Der Prozess des Arbeitens an diesem Text/Projekt war und ist meine Quarantäne - nicht nur im Jahr 2020:

 Und darum geht es in Still life:

Esther ist eine schweiflose Spaziergängerin. Durch eine Annonce im Stadtmagazin trifft Esther auf den Kunsthistoriker Eduard und seinem Freund Vyvyan, der nach Oscar Wildes Sohn heißt. In einer alten, noch kaum sanierten Etagenwohnung leben sie wie zur Zeit der Jahrhundertwende. Eduard promoviert über englische Landschaftsmaler, Vyvyan arbeitet an einen Bilderzyklus.

Esther bewirbt sichals Vyvyans Modell. Als sie es schafft, sich ganz dem Zeitgefühl der Jahrhundertwende zu verschreiben, wählt Vyvyan sie schließlich aus. Vyvyan, der an Schlafsucht leidet, kann nur nachts oder nachmittags malen. Aber da das Ungewöhnliche für Esther immer mehr zur Normalität wird, passt sie sich auch diesem Rhythmus an.

Sie sieht, wie Bilder entstehen, die sie als eine fremde Person in fremder Umgebung und in einem bisher völlig unbekannten Licht zeigen. Zusehends gerät sie in den Sog der vergangenen Zeit.


 


 

Dienstag, 29. Juli 2014

Lilith im blauen Kleid

Eine Frau sitzt im Zimmer. Sitzt auf dem Fußboden vor zugezogenen Gardinen, damit die Sonne ihre Haut nicht noch mehr verbrenne. Außer ihr sind noch drei andere Figuren anwesend. Victor, Marisa, und eine, die einfach „das Mädchen“ genannt wird. Was befindet sich jenseits der Fakten, die von der Erzählerin so eindringlich beschrieben werden? Die Anspielungen sind vielfältig, doch keine erlaubt es uns, die Verhältnisse, die hier bestehen, endgültig zu klären. Die Geschichte bleibt ein Torso. Nur die Figuren wissen um ihre Beziehungen, ihre Befindlichkeiten. Sie öffnen den Vorhang vor dem Bewusstsein des Lesers nur einen Spalt breit, geben kurze Einblicke in ihre Welt, die ahnen lassen, was hinter dem Vorhang geschieht.

Lilith im blauen Kleid ist der Titel für eine Geschichte, die sich zur blauen Stunde, nach Mitternacht, ereignet haben könnte. Die geheimnisvolle Henriette, die sich aus unerfindlichen Gründen Lilith nennt, ist das lebendige Geschenk einer homosexuellen Frau an ihren Freund Ivo, denn sie weiß, sie kann seinen Wunsch nach Intimität nicht erfüllen. Lilith ist für Ivo die Erinnerung an „Nuda veritas“, ein Gemälde von Gustav Klimt. Die Treffen zwischen Lilith und Ivo finden jenseits der Wirklichkeit, halb im Traum statt, und die Geschichte endet gleich einer Choreographie: während eines Sommers, in dem es ununterbrochen regnet, wird Lilith einfach wie eine Schaufensterpuppe in ihr nasses Kleid gesteckt und auf den Balkon gesetzt.

Alle weiteren Erzählungen in diesem Band von Gesche Blume halten diesen Ton durch. Auf der Treppe präsentiert, angelehnt an Nabokovs Lolita, die erotische Begegnung einer 14-jährigen mit dem Freund ihrer Mutter: „Ich trug noch Söckchen, da kam eines Tages ein Besucher  in unser Haus.“ Die Sprache, von selbstbewusster, sich stellenweise selbst parodierender Künstlichkeit, passt sich schonungslos dem juvenilen Alter der Ich-Erzählerin an – und führt es ad absurdum. Als hätte die Autorin beim Schreiben eine farbige Pille eingeworfenen oder durch ein Kaleidoskop geblickt, entfacht der Erzählduktus nach und nach ein buntes, barockes oder besser: jugendstil-artiges Feuerwerk. Gefährliche Liebschaften? Der Maler Lucian in Lustwandeln  könnte einem Roman von Thomas Mann entsprungen sein: Er liegt mit einem Lungenleiden im Krankenhaus, doch die Behandlungsmethoden des Arztes sind alles andere als konventionell. Jeunesse dorée schließlich kommt als selbstreflexives Manifest der Autorin und ihres Schreibens daher: „Wir leben in einem Zeitalter der Auflösung. Fin de siècle-Stimmung spüren wir an allen Ecken der Straßen, wo uns feine kühle Luft entgegenweht, wenn wir vor den Göttern flüchten“, so das Bekenntnis an die Leserschaft

Die äußere Wirklichkeit scheint in diesen Erzählungen verwandelt, nicht existent –  sie wird bestenfalls sporadisch, unter der Decke metaphorierter Wahrnehmung sichtbar, und sie bietet den Protagonisten keinen Trost. Im Gegenteil: sie treibt sie nur noch tiefer in die Erkenntnis, dass Erlösung aus den unbewältigten Machtverhältnissen nur in der persönlichen und letztendlich körperlich-erotischen Begegnung zweier Individuen statt finden kann. Es gibt kein Ideal, keinen Gott, keine Ideologie, kein schützenden Außen.


Gesche Blume trägt mit ihrem Erzählband Lilith im blauen Kleid die Überreste einer längst verflossenen Ära in die postmoderne Lebenswelt. Sie mischt technische Kühle mit konstruierter Sinnlichkeit. Fasziniert von den heimlichen Katastrophen, die sich lautlos und fern vom Licht der Öffent­lichkeit ereignen, konzentriert sich die Autorin wie eine Impressionistin auf den Moment.


Gesche Blume: Lilith im blauen Kleid. Leipziger Literaturverlag 2006.

Donnerstag, 23. Januar 2014

Ein Plädoyer für die Elster-Bar

Der Abstieg hatte schon länger begonnen. Drinnen war jetzt ein Frisör, im Fenster ein kleiner Stern, der das Dunkle, Regenichte müde beleuchtete, ganz als hätte ein Arzt sich endlich zur Untersuchung seines Patienten entschlossen und ein mit Schwachstrom betriebenes Instrument hervorgeholt. Das matte Plakat in Schwarzweiß mit dem schönen Jüngling war nur von feinen und geübten Augen zu erahnen – und meine Kurzsichtigkeit war mit einem Mal kein Manko mehr, sondern von lustvoller Zärtlichkeit gegenüber dem zweidimensionalen Objekt. Das Ramschlädchen mit den Stoffvorhängen, vor dem die Straßenbahn hielt, blieb dagegen in finsterer Nacht. Ein paar Haselnüsse blühten schon, der Regen fiel in transparenten Punkten gleichmäßig wie im Schlaf. Du hättest gesagt, das ist die Jahreszeit, zu der man in diese Bar nicht gehen kann. Ich denke, das hast du ja gar nicht gesagt. Ich denke, ich und du und unsere gemeinsamen Essen in dem auf dem Abstieg befindlichen Lokal sind so straff miteinander verwoben, dass eine Trennung unmöglich ist. Ein strenges Muster in einem abfälligen Gottesplan. Zum Würfeln hat er nie geneigt, der Alte, und wenn er es hier einmal getan hätte, drei Sechsen wären diese Stunden mit dir und mir, dem Putengenuss und deinem aufgestellten Patent sicher nicht gewesen. Ich blicke in den Regen, die Uhr an der Straßenbahnanzeige steht auf 07:07. Bei Schnappszahlen denkt ein Engel an dich. Minuten später steige ich in die Bahn und die Erinnerung klammert sich an meinem Rücken fest. Offenbar will sie mitfahren. Ich knipse den Fahrschein und lächle ihr zu.

Donnerstag, 2. Mai 2013


Maitag in Technicolor


Vincit tempus omnia.


Für A.

Sie trug unmögliche Hüte. Von anderen geformte, am Mittag. Am Maitag. Intim mit der in Gläsern zerstreuten Sonne. Drehbar im Stehenden Jetzt. Sie trügen sie so gut über die Dinge hinweg, diese Hüte, weit hinein in die Droge Frühlingsgrün. Boa mit grellroten Federn wirft sie ab, schüttelt sie von sich, Nelke von damals am Kleid. Schwarze Schatten darüber. Von ihm. Fehlt die Sonne, beachtet mich niemand. Fadendünne Schleppen, Knäufe am Sonnenschirm, in weiß, mit Rußpartikeln. Und die Schuhspitzen, Metallschnallen, Legierung, mit Pferdekot bespritzt, das wünschte er sich, nach dem Maitag, an dem es nicht regnete. Silbern war sein Haar unterdessen. Seine Körperfülle angewachsen, ein zu besteigender Berg, seine Gestalt eine, die flüchtige Frauen zu sich kehrt machen, noch immer anhalten hieß. Siehe, solch schreckliche Hüte. Schlage sie ein in deinen Blick, silbergrau. Schlage sie ein, in Pergamentpapier, das knistert, in dauerhaftes hell gedämpftes Licht. In die Finger, die schnell den Auslöser bewegen. Ich rate Ihnen zu dieser Uhr. Auf das Zifferblatt schaust du, Hora ruit – die Stunde enteilt, die Zeiger schillern. Die Zeiger stehen. Die Ziffern am Tagblatt klicken, bedächtig. Sie trägt Hüte. Du silbergrau. Halterung des Lichts. Bringst sie zum Stehen. Von diesen Stunden ist eine für dich. Wir atmen nur Blütenstaub. Sind keine Pferde. Die durchgehen. Wo der Schleier sich legt über das, was ausgestreut wird. Wir sehen nicht die Farben. Nur die Reflexe. Aber meinst du. Zu sehen, die sich sonnen. Allwissend zu sein. Die Parade ihrer Hufe, ihrer roten Federn wirst du zum Stehen bringen. Ihre fluchtlosen Schritte. Ihre unmöglichen Hüte. Oh, mein Gott. Und klick mich. Hinauf auf gewienerte Stufen, eisglatt. Steinsteil. Kommen vor dem Fall. Die Stunde enteilt. Sternenfeil tickt die Zeit, dir nachgehend, empor.