»Wo ist Vyvyan«, fragte Guido, als sie sich am Sonntag im Schwimmbad der Gay Community trafen. Eduard schob seine Taucherbrille nach oben. »Der … ist abgereist. Vorige Woche schon. Ich bin allein.« Er hatte seine Brust rasiert. Es war so viel Wolle abgekommen, dass er den Abfluss damit verstopft hatte. Guido stand in seiner weinroten Badehose neben ihm und versuchte, ein paar Streifen anzubringen. Die Luft war feucht und für Eduards Gefühl zu chlorgeschwängert. Durch die Fenster fiel matter Sonnenschein, der die Fliesen in ein blasses Rosé tauchte. Nur leise Loungemusik spielte, einige Gäste, meist dünne, junge Männer und ältere Herren schwammen. »Habt ihr euch getrennt«, fragte Guido weiter. Eduard spürte, wie eine Gänsehaut seine rasierte Brust überzog. »Nein«, sagte er. Und noch einmal: »Nein. Wir haben uns nicht getrennt.« Guido blieb skeptisch, kniff die Augen gegen das matte Licht zusammen. »Warum ist er abgereist? Ich dachte, er wollte sich an der Royal bewerben?« »Nein. Er hat eine Zusage für Dresden bekommen – und noch für einige andere Hochschulen in – Deutschland.« »In Deutschland?« Guido zog seine Badekappe auseinander. Eduard nickte nur. »Ja. Er wollte nach Dresden. Zu seiner Schwester. Er fühlt sich hier … eingeengt.« »Eingeengt?« Guido schien alarmiert und knüpfte sein Handtuch über der Brust. »Wieso eingeengt? Du hast ihm doch alles ermöglicht. Ihn zu unserem … Geliebten gemacht. The Making of Vyvyan …« Guido zwinkerte. Seine Badekappe saß schief. Eduard kippte eine Pantolette vom Fuß. Gerade Guido hatte nicht zu Vyvyans bevorzugten Liebhabern gehört. Eduard musste sich regelmäßig anhören, was Guido falsch machte. Dennoch durfte er jedes Wochenende wiederkommen.
Schweiflose Spaziergänge
Samstag, 2. Mai 2026
Samstag, 19. Dezember 2020
Still A life. Work in Progress.
Darf ich vorstellen: Ich arbeite tatsächlich immer noch hier. Mein Projekt Still life ist eine langwierige Quarantäne: Man ist isoliert, fast erstarrt, man fühlt sich nicht sehr wohl und es dauert ewig. Der Prozess des Arbeitens an diesem Text/Projekt war und ist meine Quarantäne - nicht nur im Jahr 2020:
Und darum geht es in Still life:
Esther ist eine schweiflose Spaziergängerin. Durch eine Annonce im Stadtmagazin trifft Esther auf den Kunsthistoriker Eduard und seinem Freund Vyvyan, der nach Oscar Wildes Sohn heißt. In einer alten, noch kaum sanierten Etagenwohnung leben sie wie zur Zeit der Jahrhundertwende. Eduard promoviert über englische Landschaftsmaler, Vyvyan arbeitet an einen Bilderzyklus.
Esther bewirbt sichals Vyvyans Modell. Als sie es schafft, sich ganz dem Zeitgefühl der Jahrhundertwende zu verschreiben, wählt Vyvyan sie schließlich aus. Vyvyan, der an Schlafsucht leidet, kann nur nachts oder nachmittags malen. Aber da das Ungewöhnliche für Esther immer mehr zur Normalität wird, passt sie sich auch diesem Rhythmus an.
Sie sieht, wie Bilder entstehen, die sie als eine fremde Person in fremder Umgebung und in einem bisher völlig unbekannten Licht zeigen. Zusehends gerät sie in den Sog der vergangenen Zeit.
Dienstag, 29. Juli 2014
Lilith im blauen Kleid
Donnerstag, 23. Januar 2014
Ein Plädoyer für die Elster-Bar
Donnerstag, 2. Mai 2013
Maitag in Technicolor
Vincit tempus omnia.
Für A.
Samstag, 20. April 2013
Irgendwann
Irgendwann, bei schlechtem Wetter. Die Brüstung der Ballustrade hatte jemand mit einer Eisenstange durchbrochen. Schwere Steine plumpsten in den Fluss. In sein sich aufschichtendes Hochwasser. Irgendwann, in der Zeit nach dem Tauwetter, noch nicht Frühling aber nicht mehr Winter. Die Sonne hatte sich rar gemacht, nur am Abend zwischen sechs und sieben war ein schmaler Streifen ockerorange am Horizont zu sehen. Der Regen fiel dennoch in dünnen Schnüren und zerplatzte in Tropfen auf den Schirmen. Auf ein flammendes Rot. Tropfen perlten ab an seinem Rand. Irgendwo, in einer größeren Stadt im Osten, hatten sich Spaziergänger gesammelt, ungenau, transparent. Gingen sie vor dem Abend am Nachmittag aus der Stadt heraus. Petula hatte ihr Glück gewünscht. Ich wünsche dir Glück für diese Begegnung. Und bleib nicht zu lange fort. Doch sie blieb länger fort. Länger als zuvor. Ging durch einen hell erleuchteten Korridor, in ein Museum, in der eintausend Jahre europäische Kultur eingefangen waren. Blätterte Listen durch, fächerte irrisierende Bildflächen auf. Hände berührten sie dabei. Sie nahm auch sie wie Fächer wahr. Wollte sich einen davon greifen und sich dahinter verstecken. Es war schon lange nach der Zeit mit den altvertrauten Straßen, dem immer wieder sich abwenden, den dunklen Mänteln, dem flirrenden Schneegestöber in den Laternen, dem Davonlaufen. Der Zustand danach war ein anderer. Sie lief zuvor noch immer schneller. Bog sich manchmal tagelang aus. Lieh sich immer neue Existenzen, fächerte Masken auf und wieder weg von ihrem Gesicht. Das Gegenüber veränderte sich nicht. Sie nahm die Tram, den Zug, das Fahrrad, die eigenen Beine. Irgendwann war der Schnee verschwunden und die Gesichter sahen anders aus. Sie konnte etwas darin filtern. Die Begegnung gab sich ihr völlig hin. Sie nahm entgegen, was sie ihr bot. Mit einem Lachen und ohne nur zu kichern. Mit einem Lachen offenen Mundes. So dass alle ihre Zähne sichtbar wurden. Alle Fehler bekamen einen Platz. Nichts wurde ausgespart. Sie nahm sie nicht mehr als Fehler. Sinnliche Reizbarkeit. Sie wurde krank. Regenschnüre, viele Tage lang. Ein warmer Windschauer für einen kurzen Moment. Alle Farben waren blass. Aquarelltöne ineinander. In ein Museum, weit entfernt. Finger, die ihre berührten.
